FRANZ MEISER - ADVENTURE GRAN CANARIA

Transgrancanaria 360 - (265km, 13000Hm)

 

Anfang Dezember 2017 erhielt ich über meine Amerikanischen Freunde Holley und Kevin Sweeney eine Anfrage, ob ich Lust hätte auf Grancanaria gemeinsam bei einem neuen Lauf mitzumachen. Es soll sich um einen semiautarken Ultramarathon ohne Streckenmarkierung handeln.

Ohne lange zu überlegen habe ich mich dann kurzerhand beworben und tatsächlich einen der begehrten 100 Startplätze erhalten.

 

Bei einchecken in der Expo in Maspalomas traf ich auch gleich auf Pavel Paloncy, der ebenfalls am Start war. Alles verlief stressfrei, da wir ja nur 100 Läufer waren.

 

Die Pflichtausrüstungsliste war lang, es fand allerdings zu keiner Zeit eine Kontrolle statt. Etwas absonderlich war die Tatsache, dass wir zwei verschiedene Dropbags erhielten und diese an unterschiedlichen Verpflegungsstellen während des Rennens erhältlich waren. Das bedeutet man muss sich vorher überlegen, in welche Tasche man Wechselschuhe, Duschzeug oder Reservestöcke einpackt, bzw. alles doppelt dabei hat. 

Schlimmer noch, dass es auch zwei Verpflegungsstellen gab, an welchen man zwar essen, duschen, schlafen oder eine Massage erhalten konnte, aber seine Dropbag nicht erhielt. Was sich der Veranstalter bei diesem Konzept gedacht hat, kann ich nicht nachvollziehen, zumal es nicht so toll ist, völlig verschlammt und verdreckt sich in die Betten zu legen, geschweige denn einen Masseur oder Sanitäter aufzusuchen.

Una meta--- Un sueño

So hieß das Motto des Laufes und sollte uns im Uhrzeigersinn die schönsten Plätze und Trails der Insel präsentieren.

Mit GPS Sender ausgestattet ging es pünktlich am Dienstag um 09:00 Uhr in Maspalomas los. Zuerst folgten wir in einem Flussbett dem Verlauf in die Richtung der Berge. Das Tempo war wie immer am Anfang  viel zu hoch und die ungewohnte Hitze mit 30 Grad machte das Rennen nicht leichter. Bereits nach 4 Stunden wurde der Trail deutlich schwerer und wir mussten mit dem GPS navigieren, da meistens kein richtiger Trail erkennbar war. Kevin und ich entwickelten dabei eine perfekte Navigationstechnik, indem ich mit meiner Ambit3 Uhr den Track verfolgte und Kevin mit dem Garmin GPS ca. 30m dahinter bei kniffligen Stellen bestätigte. Dies sollte sich während des gesamten Rennverlaufs nicht mehr ändern und viele gestresste und erschöpfte Läufer schlossen sich uns an, da sie nicht mehr in der Lage waren, zu navigieren.


Bereits bei der ersten Etappe wurden wir auf die Kletterprobe gestellt. Ein Aufstieg durch den Cañadón del Jierro’s Pfad. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit ein absolutes Muss!

 

Ich persönlich bin der Meinung, dass sich an manchen Stellen im Rennen der Veranstalter hier viel zu wenig Gedanken gemacht hat, bzgl. der Sicherheit und Schwierigkeit der Wege. Wir mussten oft in der Dunkelheit an Klippen und Abgründen klettern, welche weder markiert und völlig ungesichert waren und das in übermüdeten und erschöpften Zustand. Ungesichert in brüchigem Fels mit nur 40cm Wegbreite, daneben 50m Abgrund ist für mich weit weg von dem, was ich unter einem Trail verstehe. Nicht auszudenken, was passieren kann, wenn es regnet oder Nebel hat. 

 

An einem extrem schweren Anstieg stand eine Bergwacht Einheit im Tal und half den verirrten Läufern im Aufstieg, indem sie mit einem Laserpointer den richtigen Weg deutete. Hier gaben einige Läufer das Rennen auf. Dies war übrigens die einzigste Stelle im ganzen Rennen, an der ich Sicherungspersonal sah. Da wir 3 alle sehr bergerfahren sind hatten wir zwar keine Probleme, dennoch ist dies für mich ein Grund, dass ich das Rennen so nicht mehr machen würde.

 

Ich habe hier meine Grenze gefunden, was ich gegenüber meiner Familie und Freunden bei der Ausübung eines Hobbys verantworten kann. Sport soll Spaß machen, darf spannend und fordernd sein, sollte aber nicht leichtsinnig betrieben werden. Nebenbei angemerkt mussten wir in der Nacht auch noch einen Teerstraßenabschnitt in den Bergen passieren, auf dem eine Autorally im Gange war. Wir mussten eine halbe Stunde warten, bis der gesamte Korso an uns vorbei gerauscht war, da kein Platz zum Ausweichen war.

 

Die Landschaft der Insel ist sehr schön und Abwechslungsreich. Teilweise durchbrachen wir im Anstieg die Wolkendecke, wurden dabei natürlich pitschnass und fanden nach Überquerung des Berges eine völlig andere Vegetation vor. Von der Dschungel- und Kakteenlandschaft über Lava- und Geröllfelder bis hin zum Regenwald findet man alles. Die Früchte hängen an den Bäumen und die Kakteen sind in voller Blüte, einfach nur schön.

Semiautarkes Rennen hieß es in der Ausschreibung. Was bedeutet das im Rennen? Ganz einfach. Wenn man zur falschen Zeit die Verpflegungsstation verlässt dauert es bis zu 15 Stunden, ehe man eine Möglichkeit bekommt, an Wasser oder Essen zu gelangen. Dies mussten wir in den ersten zwei Tagen auf schmerzliche Weise lernen, danach lief es Rund. Man verlässt gegen 15:00 Uhr das BaseCamp und läuft in die Berge. Nach dem Anstieg führt nach mehreren Stunden der Trail durch einen Ort, damit man an Nahrung gelangt, allerdings ist zwischen 23:00 Uhr und 08:00 Uhr alles geschlossen. Entweder man bereitet sich gut auf diesen Umstand  vor, plant gründlich, erkundet vorab das Rennen oder macht es wie viele spanische Läufer und erhält externen Support an der Strecke durch Angehörige, was aber offiziell nicht erlaubt ist.

 

Das Rennen wurde besonders für Holley als kleine aber starke Frau von Etappe zu Etappe anstrengender und der Anteil der nicht laufbaren Abschnitte nahm kein Ende. Es gab einfach keinen Trail, sondern nur einen GPS Track, dem wir folgten. Durch Büsche, Sträucher, Kakteenlandschaften, Schilfgewächs, Geröllfelder, usw. Unser anfängliches Plus von 10 Stunden zur Cutoff Zeit begann langsam aber stetig zu schmelzen.

 

Inzwischen wurden die Medien auf uns aufmerksam. Nachdem wir einen erschöpften spanischen Läufer aufgegabelt haben und anschließend auch noch ein weiterer Deutscher Läufer sich unserem Konvoi anschloss, waren wir eine lustige internationale Truppe. Trotz dem steigenden Zeitdruck fanden wir genügend Zeit für die schönen und geselligen Momente im Rennen.

 

Unser neuer spanischer Freund organisierte einen Zwischenstopp mit seiner Familie und wir wurden plötzlich zum Essen eingeladen. Das ganze Lokal applaudierte und wir wurden als Helden gefeiert, was will man mehr. Einer der schönsten Momente im Rennen. Mit ein paar Bier und vollem Bauch waren wir bereit für den nächsten Anstieg. Die Motivation war wieder hoch und wir waren bereit für das große Finale. Wir hatten noch keine Ahnung was da auf uns wartete.

 

Zuvor galt es die vierte Etappe zu beenden und rechtzeitig die letzte Verpflegungsstation vor dem Cutoff zu verlassen. Niemals zuvor war ich so knapp vor dem Aus in einem Rennen. Mit nur 10min Vorsprung verließen wir um 01:40 Uhr in der Nacht die letzte LifeBase und wir hatten nun 12h Zeit für 32km und  1000Hm, klingt lächerlich, aber nicht, wenn man keinen Trail findet und die Wege für uns nicht laufbar sind. Zu Beginn wollten 3 weitere Läufer sich uns anschließen, sie waren aber nicht mehr in der Lage uns zu folgen. Wir drückten ordentlich aufs Gas, leider benötigten wir teilweise 1h für einen Kilometer. Es war eine unglaubliche mentale Herausforderung, hier nicht zu verzweifeln. Der Veranstalter schenkte uns zu Beginn des Abschnitts gar nichts. Sehr gefährliche unmarkierte Bergpassagen mussten gefunden und passiert werden, ehe wir nach dem letzten Hügel in weiter Ferne die Lichter Maspalomas erblickten. Jetzt ging es „nur“ noch 15km bergab.

Das große Finale

Mit beginnendem Sonnenaufgang und dem Ziel vor Augen verschwanden allmählich die letzten Zweifel, es nicht zu schaffen. Die Strecke war zwar immer noch nicht ganz laufbar, aber die Kraft und Energie kehrte zurück. Nun begann plötzlich David der Spanier fürchterlich zu pushen. Da er nur sehr wenig Englisch sprach und wir nur sehr wenig Spanisch verstanden, dauerte es eine Weile, ehe wir begriffen.

 

Unsere Ankunftszeit in Maspalomas war unmittelbar nach der großen Siegerehrung und wir sollten Teil des Programms werden. Nach 250km begannen wir mit 7kg Gepäck zu laufen. Die letzten 10km im Rennen waren genauso schnell wie zu Beginn. David hörte nicht auf uns anzutreiben und die Muskeln begannen zu schmerzen. Obendrein mussten wir ja noch die 5km am Strand im Sand nach Maspalomas laufen.

 

Er wurde fast wahnsinnig, als ich 5km vor dem Ziel den Trailzug stoppte und jedem von uns an der ersten Strandbar ein Bier besorgte, sorry aber das musste sein. Den Strand entlang, alles tat weh, erreichten wir den Leuchtturm, jetzt nur noch den Fußweg bis zur Expo. Keiner wusste, was uns da erwartet, aber es sollte etwas Besonderes sein.

 

Das spanische Fernsehen war auf Live Sendung, die abgesperrte Einlaufgasse war voll von jubelnden Leuten, wir wurden auf einer Welle der Begeisterung bis ins Ziel getragen, wo eine Konfetti Bombe explodierte….geschafft…Freude, Tränen, Party on!

 

Finisher Transgrancanaria 360 von links nach rechts

Holley & Kevin Sweeney (USA), Franz Meiser (GER), Christian Müller (GER), David Porta Pelayo (ESP)